das mythos milan lab

das mythos milan lab

Idyllische Weinberge, naturbelassene Gärten, Temperaturen um die 25 Grad und ein nie enden wollender wärmender Sonnenschein dominieren die wunderschöne Landschaft. Wir befinden uns in Italien, ca. 40 Kilometer entfernt von Mailand in der Lombardei. Doch eins scheint das Bild der Oase zu stören: Schwer bewaffnete Sicherheitsleute ziehen ihre Kreise und beobachten die Umgebung mit wachsamen Augen. Meter hohe Hochsicherheitszäune schirmen das Gelände ab, als wäre es das Hauptgebäude des CIA in Langley. Kameras zeichnen jede Bewegung um das 160.000 Quadratkilometer große Gelände auf. Eine schwarze Mercedes S-Klasse braust den Berg hoch und passiert das Eingangstor. Wo sind wir gelandet? Vor dem Hauptsitz der Cosa Nostra?

Mitnichten! Wir befinden uns vor den Toren des Trainingszentrums des AC Mailand. Einem der modernsten Trainings- und Sportforschungszentren der Welt. Unser wie ein Staatsgeheimnis geschütztes Untersuchungsobjekt: Das Milan Lab. Viele Mythen ranken sich um das hochmoderne Forschungszentrum. Eine davon – die Geschichte des Kochs von Clarence Seedorf – erzählen 11Freunde. Eine weitere ist die Geschichte des Fernando Redondo. Im Jahre 2001 wusste er die Verantwortlichen des AC Milan zu gewinnen für ihn und seine Dienste 30 Millionen Euro zu investieren (15 Mio. € Ablöse + 3-Jahresvertrag á 5 Mio. € p.a.). In der Überzeugung einen der damals besten Mittelfeldspieler Europas verpflichtet zu haben schickte man ihn zu seinen ersten Fitness-Übungen. Doch im Ergebnis erhielt man keinen fitten sondern einen schwer verletzten Spieler welcher seine Karriere beenden musste und darüber hinaus auch noch einen Vermögensschaden von 30 Millionen Euro Ausmaß.

Ein Training das die Geschichte eines Klubs veränderte

Dieser Schaden war der Auslöser für ein grundsätzliches Umdenken bei den Milanisti. Der damalige Vereins-Psychologe Bruno Demichelis, der langjährige Leiter der medizinischen Abteilung Jean Pierre Meersseman und Athletik-Trainer Daniele Tognaccini  stellten bei einem Leistungstest (dynamic jump), durch welchen Schnelligkeit, Flexibilität und ähnliches gemessen werden, entscheidendes fest.

„Wenn man die Daten aus diesem Sprungtest in ein Computersystem einfügt, so kann mit 70%iger Wahrscheinlichkeit eine Verletzung vorausgesagt werden. Folglich kann man die Spieler vor ihrer Verletzung stoppen“,  so Meersseman gegenüber dem Telegraph Sport.

Das war die Geburtsstunde des sagenumwobenen Milan Lab. Im Juli 2002 wurde mit großem finanziellen Aufwand das Forschungslabor gegründet und eingerichtet. Dabei verfolgte man im Wesentlichen – man mag es im italienischen Fußball kaum glauben – ein simples aber ökonomisches gefärbtes Leitmotiv:

„Je gesünder der Spieler, desto höher der Marktwert. Je höher der Marktwert des Spielers, desto höher der des Klubs”

Um die Gesundheit der Spieler zu optimieren und den Marktwert somit auszubauen arbeiten 40 Angestellten in drei verschiedenen Bereichen. Dabei setzte man schon im Sommer 2002 neben Sportärzten, Physiotherapeuten und Athletik-Trainer als einer der ersten europäischen Spitzenklubs auch Psychologen, Ernährungswissenschaftler sowie Chiropraktiker ein. Ziel ist es bestmögliche Leistungen der Athleten zu ermöglichen, das Verletzungsrisiko zu minimalisieren und das Club-Management bei ihren Entscheidungsfindungs-Prozessen zu unterstützen. Nichts wirklich Innovatives ist man geneigt zu denken.

Was verbirgt sich dahinter?

Der Kern des Milan Lab

Dabei setzen die Leiter des Forschungszentrums ganz auf moderne Technologie. So trägt jeder Spieler einen Chip mit sich während er das Training absolviert. Auf diesem werden alle Körperdaten erfasst. Das schließt zur Herzfrequenz, zum Skelett-, Gebisszustand, zur Beweglichkeit der Augen und zu Blut- und Urinwerte ein. Diese Werte werden in die zentrale Datenbank übermittelt und mithilfe verschiedener Methoden ausgewertet. Im Ergebnis erhalten die Entscheidungsträger ein benutzerfreundliches Interface auf welchem sie ablesen können ob der Spieler sich in Bestform befindet, intensiv beobachtet oder gar aus dem Training genommen werden muss.

Auch im konditionellen Bereich setzen die Verantwortlichen ganz auf moderne Technologie. Alle Spieler erhalten mit Betreten der Fitnessanlagen einen Schlüssel welcher die aktuell benötigten Belastungsstufen für die Spieler bzw. Geräte enthält. Bei der Ausführung der Übungen zeichnet das Gerät die absolvierten Einheiten des Spielers auf und speichert diese auf dem Schlüssel. Hat der Spieler nun seine Einheiten beendet, so gibt er vor Verlassen den Schlüssel am Terminal ab, so dass der verantwortliche Athletik-Trainer die entsprechenden Belastungsstufen neu programmieren und die Einheit auswerten kann.

Viel Aufwand und wenig Ertrag?

Die Philosophie die hinter dem Milan Lab steht und der Erfolg den der italienische Rekordmeister damit einfahren konnte zeigt welchen Stellenwert moderne Technologie im Unterhaltungssektor Sportbusiness einnehmen kann. Mithilfe des Milan Labs wurde die Leistungsfähigkeit zahlreicher Spieler erhöht und die Verletzungsanfälligkeit um 90 Prozent verringert. Auch die immensen Ausgaben für Spielergehälter sind nicht mehr in einem riesigen Kader gebunden, sondern können effizienter eingesetzt werden. Hinzu kommt, dass im Vergleich zur sonst so spendablen Transferpolitik der italienischen Klubs die Ausgaben für teure Spielertransfers erheblich gesenkt wurden. Alles in allem zeigt das Beispiel Milan Lab wie eminent wichtig die Offenheit von der im Allgemeinen noch eher traditionalistisch veranlagten Verantwortlichen gegenüber technischen Neuerungen ist.

One thought on “das mythos milan lab

  1. Schöner Artikel! Unfassbar: Wenn man sich den Kader von Milan anschaut dann fällt auf dass ganz drei von von 27 Spielern unter 25 sind…

    16 von den 27 Spielern sind 30+. Da wird schon klar warum so ein Lab unumgänglich ist.

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